5 Unterschiede im Geschäftsleben zwischen Deutschland und Frankreich
Diesen Artikel hat Antoine Sanières ursprünglich auf Französisch geschrieben. Hier ist die deutsche Fassung.
Obwohl Frankreich und Deutschland Nachbarn sind, unterscheiden sich ihre Kulturen deutlich. Aber was ist Kultur eigentlich?
Laut UNESCO umfasst die Kultur eines Landes die Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Merkmale, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Auch in der Arbeitswelt und in den Unternehmen bleiben die beiden Kulturen also verschieden. Der niederländische Psychologe Geert Hofstede hat sich lange mit diesem Thema beschäftigt und fünf, später sechs interkulturelle Dimensionen beschrieben. Hier sind die fünf wichtigsten interkulturellen Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland.
1. Die Machtdistanz
Diese erste Dimension beschreibt die Distanz zur Macht, also wie sehr Menschen eine ungleiche Verteilung von Macht akzeptieren oder tolerieren. Sie ahnen es schon: Frankreich und Deutschland liegen hier weit auseinander. In deutschen Unternehmen duzt man sich zum Beispiel leichter, während das Siezen (vouvoiement) in Frankreich eine fest verankerte Gewohnheit ist. Frankreich hat eine ausgeprägte Hierarchie (68 %), Deutschland nur 35 %. Deutschland gehört damit zu den Ländern mit geringer Machtdistanz: Ein partizipativer Führungsstil ist dort viel verbreiteter als in Frankreich. In Frankreich haben Mitarbeitende dagegen seltener die Gelegenheit, an Entscheidungen mitzuwirken.
2. Der Individualismus
Individualismus ist ein recht einfach zu verstehender Begriff. Er beschreibt, wie stark sich Menschen mit einer Gruppe verbunden fühlen. Je höher der Wert, desto individualistischer ist die Kultur eines Landes. Eine individualistische Gesellschaft ist also das Gegenteil einer Gesellschaft, in der die Gruppe zählt. China zum Beispiel hat einen niedrigen Individualismus-Wert, weil dort die Gemeinschaft wichtiger ist. Beim Vergleich von Frankreich und Deutschland lässt schon die Machtdistanz vermuten, dass Deutschland etwas weniger individualistisch ist. Die Werte liegen nah beieinander (67 % für Deutschland, 71 % für Frankreich, siehe Grafik). Der Unterschied ist hier also weniger deutlich als bei anderen Dimensionen.
3. Maskulinität und Femininität
Der Begriff ist, gelinde gesagt, zugespitzt und wohl auch veraltet. Der niederländische Forscher hat ihn dennoch gewählt, um die Rollenverteilung der Geschlechter in einem Land zu beschreiben. Ist der Wert niedrig, spricht Hofstede von einer „femininen“ Gesellschaft, ist er hoch, von einer „maskulinen“. Er geht davon aus, dass es ausschließlich männliche und ausschließlich weibliche Rollen gibt. Eine „feminine“ Gesellschaft ist dabei aber keine Gesellschaft, in der die Rollen der Geschlechter streng festgelegt sind. In einer „femininen“ Kultur werden soziale Beziehungen, die Umwelt und die Menschen ernster genommen. In einer „maskulinen“ Gesellschaft haben dagegen Geld und Materielles einen viel höheren Stellenwert. Frankreich ist eher feminin (43 % Maskulinität), während Deutschland mit 66 % eine eher maskuline Kultur hat.
4. Die Unsicherheitsvermeidung
Diese Dimension ist auf den ersten Blick etwas schwieriger zu verstehen. Machen wir es einfach und nehmen wir die USA als Beispiel. Unsicherheitsvermeidung beschreibt, wie gut ein Land damit umgehen kann, „sich nicht sicher zu sein“, und wie es mit Mehrdeutigkeit umgeht. Wie geht eine Gesellschaft mit dem Unbekannten und dem Unerwarteten um? Und vor allem: Wie reagiert sie auf die Angst, die Veränderung auslöst? Manche Gesellschaften versuchen, diese Angst so klein wie möglich zu halten. Sie vermeiden Unsicherheit und haben strengere Regeln, zum Beispiel weniger flexible Gesetze. Ist ein Land wenig tolerant gegenüber Veränderung, verläuft Innovation langsamer oder bleibt je nach Land ganz aus. Je höher der Wert, desto größer die Angst vor dem Unbekannten.
Vergleicht man die USA und Frankreich, bestätigt sich, was wir alle schon einmal gehört haben: Die amerikanische Kultur setzt eher darauf, etwas auszuprobieren und loszulegen, auch auf die Gefahr hin, einmal zu stolpern. Franzosen mögen keine Überraschungen! Frankreich (86 %) ist fast doppelt so wenig tolerant gegenüber Veränderung wie die USA (46 %). Und im Vergleich zu Deutschland (65 %)? Wenn Sie als deutsches Unternehmen nach Frankreich gehen, sollten Sie wissen, dass Ihre französischen Partner Veränderungen vorsichtiger begegnen als Sie. Beide Länder bleiben in dieser Dimension aber deutlich misstrauischer als die USA.
5. Kurzfristige und langfristige Orientierung
Diese Dimension knüpft an die vorherige an, ergänzt sie aber um einige Punkte. Eine langfristig orientierte Gesellschaft konzentriert sich stark darauf, die Zukunft vorzubereiten, und investiert mehr Mühe in dieses Ziel als eine kurzfristig orientierte Gesellschaft. Letztere ist stärker in ihren Gewohnheiten verankert und legt Wert auf Traditionen und Normalität gegenüber Veränderungen. Auch hier geht es also wieder um die Angst vor dem Wandel. Laut Hofstede ist Deutschland sehr langfristig orientiert (83 %). Frankreich ist ebenfalls langfristig orientiert, aber in geringerem Maß (63 %). Beide Länder legen Wert darauf, zu sparen, zu investieren und diszipliniert auf ihre Ziele hinzuarbeiten.
6. Genuss oder Zurückhaltung (Bonus)
Diese neuere Dimension wurde 2010 offiziell in Hofstedes Modell aufgenommen und ergänzt die fünf anderen. Haben Glück und Lebensfreude in allen Lebensbereichen Platz, auch bei der Arbeit? Und sollen sie offen ausgelebt werden? In einer genussorientierten Gesellschaft gelten Glück und Lebensfreude als Recht für alle und können in vielen Lebensbereichen gelebt werden.
Zurückhaltung bedeutet dagegen, dass Glück und Vergnügen als verdiente Belohnung gelten: hart erarbeitet durch Maß, Disziplin, Pflichterfüllung und das Zurückstellen eigener Bedürfnisse. Lebensfreude wird also gewissermaßen auf später verschoben. Und Frankreich und Deutschland? Laut Hofstede erreicht Frankreich 48 %, Deutschland mit 40 % etwas weniger. Frankreich liegt damit fast genau zwischen Genuss und Zurückhaltung, Deutschland eher auf der Seite der Zurückhaltung. Nach Hofstede neigt die deutsche Gesellschaft eher zu Skepsis und Pessimismus. Aber auch die 48 % der Franzosen zeigen, dass sie das Leben weniger genießen, als man gemeinhin glaubt.
Kurz zusammengefasst
Frankreich und Deutschland sind Nachbarn, und manche Dimensionen liegen nah beieinander. Trotzdem gibt es interkulturelle Unterschiede, die man nicht unterschätzen sollte. Die französische Gesellschaft achtet stärker auf den Menschen und sein Umfeld, während Deutschland sich stärker auf Geld und materielle Güter konzentriert. Die ausgeprägte Hierarchie in Frankreich kann deutsche Geschäftspartner kulturell überraschen, denn in Deutschland sind partizipative Führung und das Duzen viel stärker verankert. Die deutsche Gesellschaft ist zudem etwas kollektivistischer als die französische, die eher zum Individualismus neigt. Und schließlich: Deutschland ist weniger „ängstlich“ gegenüber dem Unbekannten und offener für Innovation und Veränderung als Frankreich. Genau das sollten Sie beim Markteintritt in Frankreich im Hinterkopf behalten.
